Text aus der Edition

FACADE
Beitrag zum Internationalen Kunstprojekt "VORFAHRT - Kunst zwischen Privatheit und Öffentlichkeit" in der Birkenwaldstrasse in Stuttgart 2006


Birkenwaldstrasse 191 – das Haus wurde 1923 von Richard Döcker erbaut und gilt als bedeutendes Beispiel für den Siedlungsbau der 20er Jahre in Stuttgart. Das denkmalgeschützte Haus erhielt bei der Restaurierung im Jahr 2003 wieder seine ursprüngliche Farbgebung, mit vier unterschiedlich getönten Seiten, Sprossenfenster und Schlagläden. Die Bewohner Frau S. und Herr L. sind Landschaftsarchitekten.

Am 19.4. treffe ich zum ersten mal Frau S. in ihrem Haus.
Wir unterhalten uns über mein Vorhaben, ihre Fenster von aussen mit Gardinen zu verhängen.
Im ganzen Haus gibt es bisher überhaupt keine Gardinen.
Ich messe alle Fenster der Fassade aus, um dafür Gardinen zu nähen.
In der Vorbereitungszeit wird mir klar, dass die Fensterläden am Haus entfernt werden müssen.
Das stösst auf Wiederstand bei den Bewohnern.
Nach mehreren Gespräche gelingt es mir, sie zu überreden.
Am 15.5 können die Fensterläden abmontiert und die fertigen Gardinen, mit Hilfe von Klemmstangen, aussen vor den Fenster angebracht werden.
Am 22.05. interviewe ich Frau S. und Herr L. in ihrem Haus.

Seit einer Woche hängen die Gardinen aussen vor ihrem Fenster. Wie geht es Ihnen damit?

L: Es fällt mir besonders auf, weil ich noch nie vorher Gardinen gehabt habe. Es ist ungewohnt, ich nehme es wahr.

S: Ich habe mich relativ schnell daran gewohnt. Ich bin öfters zu verschiedenen Zeiten im Haus und bekomme am meisten mit. Oben im ersten Stock, wo unser Arbeitsraum ist, finde ich die Gardinen angenehm, weil sie Schutz von der Sonne bieten, ohne die Sicht zu versperren.
Im Erdgeschoss dagegen, wird der Blick im Wohnzimmer durch die Gardinen eher behindert.

Wie geht es Ihnen mit dem Aussehen ihres Hauses nach aussen hin, jetzt?

L: Es ist schwer zu kommunizieren, weil wir ja auch Gestalter sind. Wenn ich mit einem Gebäude umgehe, ist es auch mein Ziel, es zu verschönern und nicht, so wie in diesem Fall, anzugreifen.
Aber ich bin kein Künstler, deshalb überlasse ich es ihnen.

Wie geht es Ihnen mit den Nachbarn, was sagen sie über die Veränderung?

S: Eine Nachbarin hat gefragt: "Ist das jetzt die Kunst?", eine andere war ganz rigoros und sagte: "Sowas hätten wir nicht gewollt", noch eine andere Nachbarin, die eigentlich sehr aufgeschlossen wirkt, hat sich auch, zu meiner Überraschung, dagegen ausgesprochen.
Wichtig ist für alle nur, dass es nachher schöner aussieht, als vorher.

L: Die Gardinen, die bei uns an der Fassade hängen, werden von den meisten Betrachtern als unästhetisch empfunden. Beim zweiten Blick fällt dann auf, dass solche Gardinen bei den Nachbarn im Innenraum hängen. Daher könnte es als eine Provokation aufgefasst werden, dass das Innere plötzlich offensichtlich nach Aussen gekehrt ist.

L/S: Die Veränderung fällt nach aussen hin, erst einmal nicht sehr auf. Erst nach längerem Hinsehen bemerkt man sie. Und man muss es erklären, es ist ein Konzept.


Gardinen aussen vor die Fenster eines Hauses zu hängen, erzeugte schon in meiner Fantasie, bevor das Projekt realisiert wurde, eine starke Irritation wegen der Umkehrung des Schützes der Privatsphäre von Innen nach Aussen. Die Umsetzung der Idee an dem Haus in der Birkenwaldstrasse 191, machte zudem die Entfernung der Fensterläden nötig und dadurch entstanden wieder neue Aspekte.
Das Denkmalgeschützte Haus, mit seinem ausgeprägten, architektonischen Stil, seine Bewohnern, seiner Lage, etc. warf neben der Frage nach der Grenze zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, auch andere Themen wie gesellschaftliche Stellung und soziales Ansehen der Bewohner auf, durch die bewusst schlicht gehaltenen Gardinen und das Fehlen der Fensterläden, veränderte sich die Erscheinung der Fassade und das Image des Hauses wurde angegriffen.
Viele Gespräche mit Beteiligten und Unbeteiligten, nachbarn und Künstlern in der Vorbereitungszeit und danach, kreisen immer wieder um die Frage, ob Kunst ästhetische Produkte zu erzeugen hat.
Für mich als Künstlerin mit einem Projekt im öffentlichen Raum, sind folgende Fragen wichtig:
Bin ich fähig Kunst einzusetzen, um die Welt, in der ich lebe und ihre Gesetze zu hinterfragen?
Bin ich fähig ein Ereignis zu erzeugen, das Anstoss gibt über Gewohnheiten, Erwartungen und Wünsche in unseren Beziehungen zur Umwelt nachzudenken?

Maria Grazia Sacchitelli 2006